Stefan Hetzel
Rausch
Es ist dunkel. Es ist hell. Es ist dunkel. Ich radle auf das Dorf zu,
das in diesen Tagen sein großes Fest feiert. "Großes Fest" ist eigentlich
schon zuviel gesagt, denn wie sollte ein Dorf, an dem alles so klein ist,
überhaupt ein großes Fest feiern können? Villariba und Villabajo fallen mir
schlagartig ein, die beiden spanischen Käffer aus der
Geschirrspülmittelwerbung. Die feiern beide gleichzeitig ein Fest, und das
eine Dorf bekommt dann dank des besseren Geschirrspülmittels seine riesigen
Paella-Pfannen schneller und gründlicher sauber.
Die Pappelallee hört plötzlich auf, die Straße macht einen Knick und gibt
den Blick auf die Autobahnbrücke frei. Ein monströses Bauwerk, finde ich
immer wieder, obwohl es nun schon einige Jahre hier steht und funktioniert,
reibungslos. Nur ein paar Selbstmörder zweckentfremden es, hin und wieder.
Praktischerweise befindet sich am Fuß der Brücke ein Betonwerk mit
fürchterlich hartem Bodenbelag. Da geht kein Selbstmordkandidat das Risiko
ein, etwa noch einmal zusammengeflickt zu werden.
Jenseits der Brücke das Dorf. Wenn ich seinen Namen höre, muss ich immer
sofort an Gemüse denken, denn dort wächst, neben etwas Wein, nur Gemüse.
Gemüse ist die Haupteinnahmequelle des winzigen Dorfes: Lollorosso-Salat,
Kopfsalat, Gurken, Tomaten.
Es ist ein Gärtnerdorf, voll von automatisierten Treibhäusern. Die fallen
einem als erstes auf, wenn man die Ortsgrenze überschreitet. Es sind
gläserne Roboter, in denen sich unablässig Maschinen bewegen. Sie beregnen,
belüften, bewässern. Selten sieht man einen Menschen. Es wird
still produziert.
Die Autobahnbrücke liegt jetzt deutlich hinter mir. Ihr Autoverkehr
produziert ein fernes, abstraktes Geräusch, das man sofort mit
Geschwindigkeit verbindet: Schräg hinter mir, in großer Höhe, rasen
Ottomotoren über das Tal.
Die Bebauung wird dichter. Zur Rechten der Fluss mit den üblichen Schwänen
darauf. Der Himmel ist blau und wird vom Wasser wiedergespiegelt. "Wie
gnädig", denke ich mir, denn das Flusswasser ist schmutzigbraun. Als Kind
dachte ich: "Sicherlich hat es flussaufwärts gerade geregnet, der Fluss
trägt viel Schlamm mit sich. Später wird sich die Farbe des Wassers
verändern, vielleicht in ein klares Blau". Später kam nie. Schmutzigbraun
ist die normale Farbe des Flusses. Außerdem riecht es nach Fisch, wenn man
ganz nah herangeht.
Jetzt kommt das Dorffest immer näher. Als Erstes hört man immer die Musik.
Erst ganz undeutlich und verwaschen, kaum wahrnehmbar und unscharf, vom
Wind verweht, dann, mit abnehmender Entfernung, immer deutlicher. Zuerst
sind es nur Fetzen von Melodien, eine Basslinie, ein Rhythmusfragment,
Spitzentöne der Blechbläser. Dann fügt sich etwas zusammen, unwillkürlich
versucht man zu erraten, was gerade gespielt wird, welches Stück, ist es
The Final Countdown oder Thriller?
Am gegenüberliegenden Flussufer liegt das kleine Landstädtchen, wo ich das
Gymnasium besuchte, Abitur machte. Zwei Männer schippern auf einer Jolle
den Fluss hinauf. Die Jolle ist grell bemalt, in den Kifferfarben grün,
gelb und rot. Vielleicht ist der Besitzer Fan von Bob Marley.
Der Festplatz kommt in Sicht. Er befindet sich direkt am Flussufer und ist
nur mäßig belebt. "Es ist zu heiß für ein Fest", denke ich mir und blicke
an mir herab. Mein weißes T-Shirt ist von winzigen schwarzen und braunen
Punkten übersät: Mücken, die während der Fahrt auf mich prallten und an
meinem Oberkörper zerschellten wie sonst am Kühlergrill eines Wagens.
Außerdem bin ich schweißüberströmt.
Wo soll ich das Fahrrad abstellen? Ich entscheide mich für den Vorplatz des
Hergenrötherschen Anwesens, gleich hinter Corinnas Wagen. Wegen Corinna bin
ich eigentich hier, habe die Strapaze des kilometerlangen Weges in praller
Sonne auf mich genommen. In Corinna bin ich nämlich verliebt. Sie aber
nicht in mich. Das ist das Problem. Corinna wird auf dem Dorffest arbeiten.
Ich sagte ihr, dass ich vorbeikommen wolle. "Ich habe aber zu arbeiten",
entgegnete sie. "Das macht nichts", antwortete ich. Es machte aber doch
was.
Ich finde sie gleich im weißen Festzelt. Corinna trägt ein rotes Kleid.
Trotz ihrer bescheidenen Art ist sie eine auffällige Erscheinung in diesem
dörflichen Umfeld. Das Zelt ist nicht einmal halbvoll. Es spielt eine
rotbejackte Blaskapelle von etwa fünfzehn Musikern. Die Verstärkeranlage
ist viel zu laut eingestellt, das soll die Leute mitreißen. Entschlossen
und etwas furchtsam gehe ich auf Corinna zu. Als sie mich sieht, nimmt ihr
Gesicht einen eigenartigen Ausdruck an: halb belustigt, wie in plötzlicher
Erinnerung an vergangenen Spaß, halb gequält, als fühle sie sich belästigt.
Sie steht hinter der Theke und verkauft Wurst- und Käsebrötchen.
"Hallo!"
"Hallo."
Sie gibt sich freundlich wie immer, wie es sich gehört. Wahrscheinlich
spürt sie, dass ich mehr erwarte, sieht aber keinen Grund, mir mehr zu
geben. Also verharren wir regungslos voreinander.
Ich beginne ein Gespräch, rede über irgend etwas, das Wetter, die Musik.
Ich weiß gar nicht mehr, was ich redete, es ist auch nicht weiter wichtig.
Ich möchte nicht all die schweißtreibenden Kilometer gefahren sein, um dann
dieser Schönen stumm gegenüberzustehen.
Das Gespräch versackt. Corinna blickt mich an, ohne bestimmbaren
Gesichtsausdruck. Ich beschließe einen Rundgang über das Festgelände.
Es gibt einen Streichelzoo mit Ziegen und einem Kaninchen. Den Tieren ist
es entschieden zu heiß. Eine Ziege lungert unter einem Bretterverschlag,
eine andere steht daneben und leckt an einem Salzblock. Das ungewöhnlich
massige Kaninchen liegt lang ausgestreckt in der prallen Sonne, die
Hinterläufe verdreht. Es hechelt wie ein Hund. Die dritte Ziege, sie ist
braun und hat zwei unterschiedlich große Euter, läuft ständig am Zaun
entlang und versucht, den vorbeigehenden Menschen etwas Essbares
abzubetteln. Ich bekomme Lust, sie zu foppen und tue so, als hätte ich
etwas in der Hand. Gierig trippelt sie heran, schnüffelt an meiner Hand,
erkennt den Betrug, hebt kurz den Kopf und läuft dann in eine andere
Richtung.
Jetzt macht die Blaskapelle eine Pause, meine Ohren können sich ein wenig
erholen. Ich sehne mich nach Kühle und Schatten. Vielleicht kann ich mit
Corinna Kaffe trinken und Kuchen essen, wenn ihre Arbeit beendet ist. Bis
dahin muss ich warten. Man wartet ja gern auf jemand, in den man verliebt
ist.
Ich schlendere in Richtung der Stahlbrücke, die hinüber ins Landstädtchen
führt. Eigentlich ein Nachkriegsprovisorium, aber bereits vor einigen
Jahren renoviert, nun eine dauerhafte Einrichtung. Schräg unterhalb der
Fahrbahn führt eine mächtige Rohrleitung entlang. Steigt man über das
Brückengeländer, kann man sie leicht erreichen und sich auf sie stellen.
Von dort springen die mutigsten Jungs des Dorfes im Sommer in den Fluss.
Das sind ungefähr zehn Meter Höhe. So auch heute. Skeptisch blicke ich nach
oben: da stehen wieder zwei, so circa vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Beide
tragen Badehosen und T-Shirts. Das eine ist weiß. Es steht Blue
System drauf. Jetzt springen sie, gleichzeitig. Unten auf der Wiese
kreischt ein Mädchen. Ich halte den Atem an, während die beiden zwischen
Himmel und Erde schweben. Widerwillig muss ich sie bewundern. Ich konnte in
ihrem Alter die Angst vor der Höhe nicht überwinden. Über das
Dreimeterbrett kam ich nicht hinaus und selbst von diesem sprang ich nur
Kerze. Charlie sprang Köpfer vom Zehnmeterbrett, was ich
todesmutig fand. Ich hatte immer dieses unerträgliche Kitzeln im Bauch,
wenn ich vom Dreier sprang. War heilfroh, wenn ich unten war. Die Zeit
unterwegs erschien mir unerträglich lang. Wie lang musste sie einem erst
nach dem Absprung vom Zehner werden? Jetzt knallen die beiden Jungenskörper
auf die Wasseroberfläche auf. Beide Köpfe sind sofort wieder oben. Sie
reden miteinander, während sie Richtung Ufer schwimmen.
Ich überlege, was zu tun ist, um die Zeit zu überbrücken. Ich könnte zur
nächsten Telefonzelle laufen, um jemand anzurufen, Stefan zum Beispiel.
Boris Becker spielt gerade in Wimbledon. Das ist doch etwas, worüber man
reden könnte.
Ich raffe mich auf, um die Brücke zu überqueren. Brütende Hitze auf
meinem Kopf, als ich über dem Fluss bin. Alles ist durchnässt, T-Shirt,
Unterhemd, Unterhose, Jeans, Socken. Nur meine Sandalen natürlich nicht,
denn die sind ja aus Leder. Drüben angekommen, wähle ich nicht den Weg
durch die Fußgängerunterführung, um die Straße zu kreuzen. Ich überquere
die Brückenstraße oberhalb, weil ich glaube, so schneller zu Telefonzelle
zu kommen. Das ist aber ein Irrtum. Ich befinde mich jetzt auf der falschen
Seite der Einmündung und muss die Hauptstraße überqueren. Auf der anderen
Seite kommt gleich die Leitplanke, kein Bürgersteig. Ich klimme über die
Planke und stolpere die steil abfallende, grasbewachsene Böschung hinunter
auf den vielfach geflickten Asphalt der Nebenstraße, an der die Zelle
steht. Das schmerzt in den Fußsohlen.
In der Zelle ist die Hitze unerträglich. Es ist eines dieser altmodischen
Münztelefone. Glücklicherweise habe ich ein Markstück bei mir. Mit Groschen
hantiere ich gar nicht erst herum, es ist sowieso ein Ferngespräch. Ich
werfe die Mark in den dafür vorgesehenen Schlitz, wähle Stefans Nummer.
"Köhler."
"Hi Stefan!"
"Ach, der Martin! Na, wie gehts?"
Undsoweiter.
Becker hat den ersten Satz gewonnen, ich bin überrascht. Ansonsten gibt es
bei Stefan nichts Neues, außer, dass er pleite ist und zudem eine Geldbuße
wegen Alkohols am Steuer zahlen muss.
Aber das weiß ich ja eigentlich schon.
"Tschüss Martin! Bis Mittwoch!"
"Tschüss Stefan! Bis Mittwoch!"
Bin nun heiterer gestimmt und wähle den Weg zurück durch die
Fußgängerunterführung.
Corinna steht noch immer in ihrem roten Kleid am Brötchenstand und sieht
schön aus. Jemand kauft ihr gerade etwas ab. Sie bedient höflich und
korrekt, zuvorkommend könnte man sagen. Ich bestelle eine Halbe Radler am
Getränkestand, das Glas kostet fünf Mark Pfand, setze mich auf eine der
orangefarbenen Brauereibänke mit den blauen Stützen und sehe Corinna an.
Sie steht ungefähr zehn Meter von mir weg. Meistens sieht sie nicht in
meine Richtung. Ich werde traurig, blicke mich um.
Rechts neben mir, am anderen Ende der Bank, sitzt ein Mann mittleren Alters
mit unwahrscheinlich dickem Bauch und dunkelrotem Gesicht. Er hat lichtes
blondes Haar und einen gewaltigen Schnauzbart, trägt ein kariertes Hemd,
das angespannt seinen Wanst bedeckt. "Sicherlich ein Arbeiter", denke ich
mir. Der Arbeiter stemmt eine Maß Bier. Dabei brüllt er etwas
Unverständliches zum Bratwurststand hinüber. Erst verstehe ich nicht, wen
er meint, dann bemerke ich den sehr gutaussehenden Farbigen, der hinter dem
Stand Teller wäscht. Der Farbige, ungefähr im gleichen Alter wie der
Arbeiter, grinst vieldeutig und ruft einen Gruß zurück. Der Arbeiter brüllt
etwas hinterher und wendet sich wieder seinen Tischnachbarn zu, die alle
wie Arbeiter aussehen.
Es ist an der Zeit, dass etwas passiert, irgend etwas. Wieder fängt die
Kapelle zu spielen an. Neugierig betrachte ich die Musiker näher. Der
Sänger kommt mir bekannt vor. Er ist einige Jahre jünger als ich.
Wahrscheinlich war auch er auf dem Gymnasium in Leinbach. Auch das Gesicht
der Sängerin kommt mir bekannt vor. War sie auch in Leinbach? Ich glaube
nicht. Der Bassist ist ein blonder Endzwanziger mit dezentem Punk-Habitus.
Der einsame, alkoholisierte Held. Interessant. Seine Spielhaltung ist
lässig, so als könne er jederzeit etwas ganz anderes machen. Aber er tut
nichts anderes: spielt weiter die Basslinie von "O du wunderschöner
deutscher Rhein". Du wirst immer Deutschlands Zierde sein. Längs des
Fahrradwegs war mir ein Aufkleber der Nationaldemokratischen Partei
Deutschlands aufgefallen. "Das andere Deutschland. Freiheit für Günter
Deckert." Wer war noch mal Günter Deckert?
Ich langweile mich jetzt entschieden. Neben Corinna steht mittlerweile ein
nicht mehr ganz junger, bauernschlau dreinblickender Mann mit dunkelblondem
Haar und Oberlippenbart. Er steht schräg hinter Corinna und redet auf sie
ein. Sie ist froh, dass sie jemand anspricht. Wahrscheinlich langweilt sie
sich auch. Plötzlich glaube ich zu spüren, dass der Dunkelblonde unheimlich
scharf auf Corinna ist. Am liebsten würde er sie wohl über die Schulter
legen, irgendwo hingehen und sofort mit ihr schlafen. Aber das geht
natürlich nicht. Tatsächlich ist Corinna mit Abstand die attraktivste Frau
in Sichtweite. Zudem hat sich im Dorf herumgesprochen, dass sie sich
scheiden lassen will. Ihr Mann soll sich zu wenig um sie gekümmert haben.
Der Bauernschlaue mag sich einbilden, sich sehr gut um Corinna kümmern zu
können. Auch ich denke das dauernd. Eifersucht beginnt in mir aufzusteigen,
aber das Gespräch ist bald beendet. Der Bauernschlaue hat anderweitig zu
tun und läßt Corinna an ihrem Brötchenstand stehen.
Ich fasse mir ein Herz, stehe auf und gehe mit meiner Radlerhalben auf den
Stand zu. Vorsichtig stelle ich das mächtige Glas auf dem Plexiglastresen
ab und versuche erneut, ein Gespräch zu beginnen. Aber Corinna teilt mir
als Erstes mit, dass sie nach der Arbeit gleich nach Hause gehen werde. Aus
dem geplanten Nachmittagskaffee wird wohl nichts werden.
Jetzt bin ich enttäuscht und deprimiert. Es war also alles umsonst. Ich
spüre kalte Wut in mir aufsteigen, versuche, mir das nicht anmerken zu
lassen. Zum Schein plaudere ich noch ein wenig weiter, zücke dann
unvermittelt das rote Herzchen aus Holz, das ich Corinna mitgebracht habe.
Dränge es ihr auf.
"Du vergewaltigst die Leute", hat sie mir mal am Telefon gesagt. Jedenfalls
komme ich mir nie böse dabei vor. Ich folge lediglich einem starken inneren
Impuls.
"Wo hast'n des her?"
"Von meiner Mutter."
Sie hängt sich das hölzerne Herz vor die Brust, sagt sinnend: "Das Herz am
rechten Fleck."
"Ich fahr' dann mal wieder."
"Ja."
"Tschüss!"
"Tschüss."
© 1996 Stefan Hetzel
Alle Rechte beim Autor.